Chronologie Laientheater «Freies Theater Therwil»

BiBo vom 4. Mai 2017: Der Heimat den Rücken gekehrt

«Land!», schreit einer. Alle strecken ihre Köpfe und suchen den Horizont nach dem gelobten Land ab. Die Menschen auf dem Schiff sind keine Syrer, Afghanen oder Eritreer wie dieser Tage. Es sind Deutsche, Iren und vor allem Schweizer, die zu Tausenden nach Amerika fliehen. Wir schreiben das Jahr 1817. 
Die Schweiz ein Armenhaus? Kaum zu glauben. Vor 200 Jahren war das aber bittere Realität. Die napoleonischen Kriege haben Europa politisch und wirtschaftlich erschüttert, die industrielle Revolution in England überschwemmte den europäischen Markt mit günstigen, aber qualitativ hochwertigen Stoffen, was vielen Leinwebern in der Schweiz die berufliche Zukunft kostete. Der «Todesstoss» kam mit einer globalen Klimakatastrophe. Die Folgen: zwei Jahre kein Sommer in Europa, Ernteausfälle und Hungerkatastrophen. Besonders hart traf es den Süden Deutschlands und die Schweiz. 
Der Schweizer Autor Paul Steinmann hat über dieses Thema das Bühnenstück «Das Weite Suchen» geschrieben, welches nun vom Freien Theater Therwil unter der Leitung von Dalit Bloch inszeniert wurde (BiBo berichtete ausführlich). Das einfache Bühnenbild unterstreicht die gedämpfte Grundstimmung; alles ist in dunklen Tönen gehalten. Dagegen leuchten und strahlen die Protagonisten aus der Bühne heraus. Damit wird klar: Hier geht es um die Menschen und die Schicksale, die sie verkörpern. 
Alle diese Einzelschicksale vermengen sich und entwickeln die gemeinsame Idee für den Ausweg: die Auswanderung nach Amerika. Die Rollen sind treffend besetzt und die Akteure spielen sich mühelos in die Herzen der Zuschauer. 
Das Stück ist lang, dennoch ist keine Szene überflüssig. Der Spannungsbogen kann über die gesamte Länge gehalten werden – nicht zuletzt, weil man ja erfahren möchte, wie die Schicksale enden. Wir werden gezwungen, uns selbst zu reflektieren und mit Demut auf das zu schauen, was wir erreicht haben und wer wir heute sind. Dennoch ist das Stück weder belehrend noch depressiv. Es ist traurig, zu Tränen rührend, beschwingt (es wird viel gesungen) und lustig – ebenso wie das Leben. 

Stephan Brode

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